Urban Gardening – ein neuer Trend in den Städten

Seit geraumer Zeit lässt sich ein bemerkenswerter Trend bei der Stadtbevölkerung beobachten. In einer immer komplizierter werdenden, undurchsichtigen und globalisierten Welt wird der Wunsch nach Selbstbestimmung zusehend größer. Dieser Wunsch findet auf vielfältige Weise Ausdruck – sei es durch die anwachsende Occupy-Bewegung mit ihren unzähligen Sympathisanten, durch die unterschiedlichsten Bürgerinitiativen, vom bedingungslosen Grundeinkommen bis hin zur Regionalwährung, oder, und damit wird sich dieser Artikel vorwiegend beschäftigen, durch das wiederbeleben der Stadtgärten – dem sogenannten Urban Gardening. Ein Teil der Stadtbewohner hat das Bedürfnis sich auf die Natur und ihre ureigenen Kreisläufe zurückzubesinnen – in einer Welt, dessen Systeme selbst für ihre Protagonisten kaum zu durchschauen sind. Man versucht dem großen Chaos zu entfliehen, indem Orte geschaffen werden, die jeder aktiv mitgestalten und das Prinzip von Ursache und Wirkung unmittelbar miterleben kann. Sie sprießen auf den urbanen Brachflächen in Städten auf der ganzen Welt, um sich mutig, kreativ und bunt dem Asphaltdschungel und der emotionalen Anonymität entgegenzustellen: die Stadtgärten.
 
Das Deutschlandweit bekannteste, weil wohl erfolgreichste Beispiel für das Urban Gardening sind die Prinzessinnengärten in Berlin.

2009 schufen hier Robert Shaw und Marco Clausen ein 6000qm großes Idyll inmitten des Szeneviertels Kreuzberg – und konnten damals kaum ahnen, wie erfolgreich sie binnen kürzester Zeit mit diesem Projekt werden würden. Bei den im Schnitt 20-40-Jährigen rannten sie damit offene Türen ein und trafen genau den Nerv der Zeit. Dabei ist das Konzept denkbar einfach – eine städtische Brachfläche wird Mithilfe der Bevölkerung Stück für Stück in einen Garten verwandelt. Es gibt keinen Masterplan sondern jeder soll die Möglichkeit haben, sich mit seinem persönlichen Wissen – und Unwissen – zu beteiligen. Denn entgegengesetzt des allgemeinen Perfektionismus – und Effizienztrends unserer Gesellschaft sind hier Fehler nicht nur erlaubt – sondern gerade zu erwünscht. Das Motto ist ganz klar learning by doing. Auf ein Schlagwort der gegenwärtigen Gesellschaft können und wollen aber auch die urbanen Gärten nicht verzichten: die Flexibilität. Die Umsetzung wird in aller Regel mobil gestaltet, da man die Flächen von der Stadt mietet und die Nutzung meist nur jeweils für ein Jahr zugesichert wird. Beim Beispiel der Prinzessinnengärten ist das Gartencafe ein aussortierter Container aus dem Hamburger Hafen und die Beete bestehen aus recycelten Bäckerkisten, Reissäcken und Tetra-Paks. Somit besteht die Möglichkeit, jederzeit umzuziehen und auch auf versiegelten Flächen anzubauen. Ähnliche Projekte entstanden in den letzten Jahren in Hamburg, Köln, München.
 
Mittlerweile steht dem Prinzessinnengarten die vierte Saison bevor und sie sind längst zum Berliner Szenetreff geworden. Hier werden nicht nur alte Kartoffel-, unzählige Minze- und Gemüsesorten gesät, gehegt, gepflegt und geerntet, sondern direkt vor Ort im Gartencafe zu frischen, regionalen, saisonalen und Großteils biologischen Mittagsgerichten verarbeitet und an die umliegenden Firmen als Mittagstisch verkauft. Es werden Workshops angeboten für Leute aus aller Welt, die sich selbst als Stadtgärtner versuchen wollen. Schulklassen kommen zum gemeinsamen Ernten und Kochen und natürlich findet auch die lokale Kunstszene eine neue Plattform für Ausstellungen, Lesungen und Konzerte. Der Integration, der vor allem in einem so dicht und multikulturell besiedelten Viertel wie Kreuzberg eine besondere Rolle zukommt, nimmt hier ganz natürlich ihren Platz ein: die russische Oma bringt ihr Wissen über alte Kartoffelsorten ein, der türkische Nachbar über die vielfältigsten Kräuter und deren Verwendung und die deutsche Grafikdesignerin den Willen, sich die Finger mal wieder richtig schmutzig zu machen.
 
Abgesehen von aller verzückten Landromantik könnten die Stadtgärten in der Zukunft eine nicht unerhebliche Rolle bei der Ernährung der Städter beitragen. In der globalisierten Gesellschaft in der wir leben basiert die Ernährung der westlichen Zivilisationen weitgehend auf dem –limitierten – Erdölvorkommen und Importen aus dem Ausland. Hier könnten möglichst kurze Transportwege und der Verzicht auf unnötige (erdölbasierende) Düngemittel und Kunststoffverpackungen, die sich aus einer lokalen Landwirtschaft ergeben,  zu der notwendigen Autonomie und damit zu einer größeren Zukunftsfähigkeit einzelner Regionen beitragen.
 
Es lohnt sich definitiv, sich weiter mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Zum Schluss noch ein Veranstaltungshinweis in eigener Sache für alle, die sich auf regionaler Ebene mit diesem Thema befassen möchten. Im Bildungszentrum (Gewerbemuseumsplatz 2, Fabersaal, Nürnberg) findet am 22.März 2012 der Vortrag „Urban Gardening – die neue Gartenbewegung, über die Rückkehr der Gärten in die Stadt“ statt. Referentin ist Frau Dr. Christa Müller, Soziologin und Gründerin der Stiftung Interkultur. Außerdem werden 3 Gartenprojekte in Nürnberg vorgestellt: der Interkulturelle Garten in Langwasser, der Heilkräutergarten am Hallertor und das Gartenprojekt nach dem Vorbild der Prinzessinnengärten von Bluepingu. Wir freuen uns auf zahlreiches Erscheinen!
 
Weiterführende Informationen findet ihr:
 
In Christa Müllers Buch „Urban Gardening“ (oekom, 2011), sehr wissenschaftliche aber aufschlussreiche Herangehensweise der Soziologin an das Thema.
 
In dem Film „The Power of Community – How Cuba survived Peak Oil“, einem Dokumentarfilm über den durch das amerikanische Embargo erzwungenen Wandel der Kubanischen Gesellschaft von der erdöl- und importbasierten Nahrungsmittelversorgung zur regionalen, ökologischen Landwirtschaft.

J. Nogly

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